Lieber stefr,
ich muss nach den verschiedenen Diskussionen wohl nicht mehr besonders hervorheben, dass ich zu diesem Thema eine etwas andere Meinung vertrete als Du. Angesichts der Tatsache, dass das auch nicht nur mir so geht, sondern es ersichtlich zwei relativ große Gruppen gibt, die hier diametral entgegengesetzte Überzeugen vertreten, dürften wir uns aber doch zumindest darauf einigen können, dass es zum Thema "Solidbodies, Holz und Schwingfreudigkeit"
keine allseits als zutreffend anerkannte Denkschule gibt, ja nicht einmal eine klar ersichtliche Mehrheit. Immerhin sind sich da offensichtlich nicht einmal die Leute einig, die die Instrumente bauen.
Von daher halte ich Aussagen wie "Dummsprech", "Einbildung" und "Unsinn" hier für absolut unangebracht und unnötig herabsetzend. Wer solche Kraftausdrücke braucht, vermittelt mir nur den Eindruck, dass er der Kraft seiner Argumente nicht wirklich vertraut.
Was den Begriff "Resonanz" betrifft, habe ich den Eindruck, dass er in der Diskussion nicht einmal mit gleicher Bedeutung verwendet wurde. Es ging doch hier nicht um Resonanzen im Grundtonbereich, die gleich Deadspots und Hotspots auslösen, sondern um die Feinheiten, die den Klang prägen. Von daher muss ich neben der Form doch auch noch was zur Sache loswerden: mit einer resonanz- bzw. schwingfreudigen Solidbody meint doch ersichtlich niemand eine Gitarre, die akustisch wahnsinnig laut ist und den Klang dann sofort absterben lässt. Vielmehr will man damit doch eine Gitarre beschreiben, deren Ton schon akustisch gleichmäßig, angenehm und lange anhaltend erscheint. Ich habe jedenfalls noch keine solche Gitarre erlebt, die über die Pickups plötzlich schlecht klingt.
Ich sehe das durchaus auch so, dass es umgekehrt Gitarren gibt, die akustisch recht leise erscheinen und dann über den Amp ausgeglichen mit viel Sustain rüberkommen. Die schwingen dann in der Tat recht sparsam und erzielen das Sustain dadurch, dass sie wenig Energie der Saite in sich aufnehmen. Bisher haben mir solche extrem steifen Gitarren, die die Energie sozusagen "in der Saite halten", aber am Amp immer nicht so gut gefallen, weil sie mir zu steril erschienen.
So ganz abhold ist der Herrn Kraushaar übrigens der Frage des Schwingens bei der solidbody gar nicht. Um ihn zu zitieren: "Natürlich auch wenn bei diesem Artikel ein anderer Eindruck entstehen mag natürlich resoniert eine
E-Gitarre. Das soll sie und es geht ja auch nicht anders. Holz ist nun mal elastisch! Ständig schwingt und eiert etwas mit, wo man es nicht will! Es ist in der Praxis sehr viel schwieriger, all die störenden, zehrenden und vernichtenden Resonanzen zu eliminieren, als einem Instrument Charakter und Farbe zu geben."
Der Punkt, in dem ich etwas anders denke, ist der letzte Teil, da habe ich den Eindruck, dass Meister Kraushaar gedanklich etwas zu kurz greift. Schon physikalisch gesehen schwingt die Saite nie für sich alleine und wird dann nur irgendwie dabei behindert - vielmehr haben wir es immer mit
einem schwingenden Gesamtsystem zu tun, das halt strukturell inhomogen ist und nur an einer bestimmten Stelle angeregt wird. Nur ist nicht jede Energie der Saite, die im Korpus landet und diesen zum Schwingen anregt, im Sinne eines Gitarrensounds "nutzlos" verloren. Es kommt vielmehr darauf an, was dort mit der Energie passiert. Ein sehr steifer und doch leichter Korpus, z.B. mit Hohlräumen kann akustisch oft recht laut erscheinen, arbeitet aber zugleich
energieeffizient - er verbraucht dafür nur wenig mechanische Schwingungsenergie. Und dann kann das ganze System lange und gut schwingen. Es kommt also in punkto Sustain und Deadspots (also schädlichen Resonanz
überhöhungen) letztlich nicht auf die akustische Lautstärke an, sondern auf die Effizienz, wie der Korpus die in ihn eingespeiste Energie verarbeitet - entweder schwingt er mit der Saite harmonisch mit, lässt sie einfach weitgehend in Ruhe (z.B. Graphit) oder er zehrt deren Energie auf, weil er eben
nicht schwingfreudig ist.
Um es mal so zu veranschaulichen: Eine Trommel ist leicht und eher wenig schwingfreudig. Der Ton ist kurz, laut und schnell vorüber, die Energie des Schlages auf das Fell wird schnell verbraten. Eine Glocke kann bei dünner Wandung genauso wenig wiegen, auch sehr laut sein (aber in anderen Frequenzbereichen) und doch sehr lange schwingen. Bei den Bodies von E-Gitarren ist es nicht anders. Ist er effizient, wird er bei genügender Lautstärke sogar in Wechselwirkung mit der schwingenden Luftsäule treten. Der Unterschied zwischen (semi-)akustischem und massivem Korpus ist dabei eben kein prinzipieller, sondern nur ein gradueller.
Gruß, bagotrix