Musik auf Lehramt - Segen oder Fluch?!

  • Ersteller Kreacher90
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Für jemanden, der unterrichtet, sei es an einer Musikschule, aber fast noch mehr an einer allgemeinbildenden Schule sehe ich das nicht unbedingt als ideale Einstellung an. Damit will ich aber auf keinen Fall die "Klassik" auf irgendein Podest heben, das wäre Unsinn und allen anderen Musikepochen und -Stilen gegenüber auch unangemessen. Aber wer unterrichtet sollte meiner Meinung nah einen möglichst breiten Horizont haben, um seiner Schülerschaft ein möglichst umfassendes Wissen vermitteln zu können.

Das steht ja außer Frage - alleine schon, um dem Bildungsplan gerecht zu werden, müssen bestimmte Lehrthemen ja schon de-facto abgedeckt sein. Ob aber jeder Musiklehrer an einer Schule deshalb ausschließlich seinen Fokus bzw. seine Leidenschaft auf der "traditionellen Klassik" haben muss, wage ich dann doch etwas zu bezweifeln. Mein eigener Musiklehrer damals, bei dem ich auch das Musik-Abi gemacht habe, hatte seinen Schwerpunkt allein vom Studium her auf Jazz. Aber natürlich haben wir bei ihm dennoch auch die normalen Lehrthemen abgearbeitet wie Geistliche Musik (Schütz), Moderne (Schönberg und Co) und natürlich auch die traditionelle Klassik & Barock.

Selbst in Englisch & Deutsch hätte ich meinen persönlichen Schwerpunkt ebenfalls nicht auf der "klassischen" Literatur, aber ich denke, das muss ich auch nicht. Sofern ich dennoch in der Lage bin, auch klassische Themen zu vermitteln und zu unterrichten, brauche ich persönlich nicht unbedingt auch meinen interessensmäßigen Schwerpunkt darauf zu haben. Wie schon gesagt, ich lese in meiner Freizeit auch kein Goethe, Schiller, Kafka, Shakespeare oder Edgar Allan Poe. Unterrichten könnte ich sie dennoch - da hangelt man sich dann halt am jeweiligen Lehrplan entlang, hat ja auch (mit den Jahren) viel Unterrichtsmaterial dazu und muss dann auch nicht jede Stunde das Rad neu erfinden...
 
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Wenn ich mit 40 den Wunsch in mir spüre, mich nochmal (beruflich) umzuorientieren, warum sollte mir das dann verwehrt bleiben?
100prozentige Zustimmung. Glücklicherweise scheitert das in D selten an den Bildungsangeboten. Meist ist es eher der Lebenssituation im mittleren Lebensabschnitt geschuldet, dass der Schritt ein deutlich größerer ist als in jungen Jahren. Oder aber der Angst davor, die mittlerweile sehr behaglich gewordene Komfortzone verlassen zu müssen.

Was ich damals wie heute aus deinen Aussagen lese, ist eine fast schon "zaudrige" Grundhaltung. Ob es nun dein inzwischen absolviertes Studium oder das erträumte Musikstudium betrifft, ich nehme überwiegend wahr, was jeweils nicht optimal ist. Du hast - trotz super Abschluss - NICHT die Fächerkombination gefunden, die dich zufrieden stellt. Du hast NICHT das Gefühl, als Musiklehrer mit der Tatsache umgehen zu können, dass Musik für viele Schüler lediglich ein unangenehmer Klotz am Bein ist. Es bereitet dir Sorge, NICHT mit denjenigen (Asiaten?) konkurrieren zu können (wollen?), die teilweise acht oder 10 Stunden täglich üben, um gut zu werden. (Dein Interesse gilt NICHT den bedeutenden deutschsprachigen Künstlern der "Klassik", unter der ich ebenfalls die gesamte sog. E-Musik zusammenfasse).

Ich hatte wie du seit meiner Jugend den Traum vom Musikstudium, und damals wie heute glaube ich, dass mein musikalisches Talent locker ausreichend gewesen wäre, um diesen Schritt zu wagen. Also alles gut? Aus heutiger Sicht sage ich sehr klar: gut, es nicht getan zu haben.

Jeder Beruf verlangt einem ab, sich auch mit dessen Schattenseiten zu beschäftigen, dabei stoßen viele von uns sicher früher oder später auch mal an Grenzen. Als Musiker, allgemein in vielen kreativen Berufen, ist es die absolute Ausnahme, sich einen materiellen Standard zu erarbeiten, der an die Absicherung "normaler" Arbeitsverhältnisse heranreicht. Wer da nicht wenigstens in der Lage ist, auf Durststrecken erst recht Gas zu geben und unbeirrt seinen Weg zu verfolgen, statt mit Selbstzweifeln Energie zu verbrennen, mag zwar irgendwie über die Runden kommen. Aber ob die Lebensentscheidung einem dann früher oder später auf die Füße fällt, halte ich nur für ne Frage der Zeit.

Und wenn ich zwischen den Zeilen deiner Beiträge richtig lese, schätzt du selbst deine Musikalität nicht außergewöhnlich hoch ein, und dein Schaffensdrang, dich Hauptsache musikalisch ausdrücken zu wollen, wirkt auf mich auch eher wie ein typischer Hobby-Musiker. Vielleicht war das damals auch die Erkenntnis des hochnäsigen Professors.

Unter dieser Annahme wäre mein Rat ebenfalls, nimm deinen Beruf ohne Brimborium an als das, was dich ernährt, und packe die Musik in die Schublade "Freizeitgestaltung mit hoher Priorität". Wie @opa_albin sagte, es gibt tolle Perspektiven und Lernmöglichkeiten außerhalb einer Hochschule.
 
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Aber wie gesagt halte ich es für die Vermittlung von musikalischer Bildung in der Musik für ein Defizit, wenn man die "Klassik" (steht hier auch für Barock, Romantik, frühe Moderne usw.)sträflich vernachlässigen oder gar ausblenden würde. Ich fände es auch ahistorisch, was ich stets kritisiere.

Dem muß ich uneingeschränkt zustimmen. Es geht nicht nur um "Geschichte", Jahreszahlen und Namen der Komponisten und ihrer Werke, sondern um die vergleichende Evolution der Musik, und dazu gehört eine theoretische und praktische Auseinandersetzung mit den Werken. Mit sehr vielen Werken. Und das kann jemand, der schreibt:
Für Klassik an sich habe ich mich aber auch noch nie außerschulisch interessiert, sprich ich habe nie freiwillig mal Stücke von Beethoven oder sonstigen Komponisten angehört, bin auch nie in Opern oder Musicals gegangen.
niemals leisten.

Hier spreche ich als Schüler, der in seiner Freizeit viel klassische Musik gehört hat, regelmäßig in Konzerte und in die Oper gegangen ist, die Musik über alles liebte, aber seine musikalische "Bildung" beschränkte sich auf Namen und Jahreszahlen - mehr haben uns die Lehrer nicht vermittelt. Ja, ich kenne die einzelnen Epochen, ihre Vertreter und viele Werke, aber ich habe nie erfahren, wie sich die Musik über die Jahrhunderte entwickelt hat. Und das fehlt mir heute noch, denn ich habe nicht mehr die Fähigkeit, diese Bildungsdefizite aufzufüllen.

Klar sind Musikstunden subventioniert, egal ob sie an einer Schule, Musikschule oder Hochschule gegeben werden.
Aber auch jede Deutsch-, Mathe-, Erdkunde-, Religion-, usw.-Stunde ist subventioniert. Und das ist auch gut so! Denn Bildung darf nie und nimmer zu einem Exklusivgut oder den "Eliten" oder gar den "Reichen" vorbehaltenen Stoff werden!
:great:

Auch in diesem Punkt bin ich ganz bei Dir. Doch die Subventionen müssen zuerst erwirtschaftet werden. Dafür braucht man in Deutschland, wo es kaum Rohstoffe oder Bodenschätze gibt, Ingenieure, Wissenschaftler und gut ausgebildete Fachkräfte, die für eine blühende Wirtschaft sorgen und ordentliche Überschüsse produzieren, aus denen dann die Bildung subventioniert werden kann. Und da schadet es nicht, wenn die jungen Leute wissen, was sie studieren wollen, welchen Beruf sie daraus machen werden und mit Begeisterung dabei sind.
Und bei Wirtschaftsflauten sitzt der rote Stift immer zuerst bei der Kultur und kultureller Bildung. Daran wird sich nichts ändern.

@Kreacher90
Es ist ungewöhnlich, Deine Berufsgeschichte in dieser Art zu lesen, obwohl vor diesem Problem viele junge Menschen stehen - was soll ich studieren? Nun ja, es ist aus Dir ein Lehrer geworden und Deine Berufsträume sind immer noch bei Dir geblieben. Dazu kann ich sagen - es ist nie zu spät, seine Träume zu verwirklichen, aber man muß dabei auch die Realität im Auge behalten. Vor allem die ständige Veränderung - Du veränderst Dich, und die Welt um Dich bleibt auch nicht stehen.

Gruß, Bjoern
 
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Wenn ich mit 40 den Wunsch in mir spüre, mich nochmal (beruflich) umzuorientieren, warum sollte mir das dann verwehrt bleiben?
Natürlich kannst Du Dich umorientieren.
Wenn Studienplätze frei sind oder man sich einfach in Vorlesungen und Seminare mit reinsetzen kann, ist das ja vollkommen OK, und eine super Sache.

In Fächern wie Medizin oder Musik, bei denen das Studium teuer ist, finde ich es aber auch nachvollziehbar, wenn man mit höherem Alter zugunsten jüngerer Bewerber abgelehnt wird.
Aber hey, versuch es doch einfach - oder entscheide Dich dafür, es als ernsthaftes Hobby oder nebenberuflich zu machen. Immerhin geht das bei Musik sehr gut, im Vergleich zu zB Anästhesie oder Kieferorthopädie. Ein musikalisches Selbststudium erfordert natürlich deutlich mehr Selbstdisziplin, und wie gesagt würde ich Dir da wirklich eine Art Mentor empfehlen, der/die Dir Hinweise geben kann, was jeweils der Schwerpunkt sein sollte.

Aber im Vergleich zum Studium musst Du keine nervigen Pflichtfächer oder Prüfungen absolvieren, auch ein Vorteil ;)

Grundsätzlich finde ich es ja total Klasse, dass Du weiter daran denkst, einen Lebenstraum zu verfolgen. Wenn du es durchziehen willst, dann wäre mein Tip, nicht noch lange damit zu warten und sich jetzt gründlich zu informieren und dann innerhalb einer selbst gesetzten Frist zu entscheiden. Versuch so viele Infos wie möglich zu bekommen, versuch ein zwei kompetente Leute aus der gewünschten Branche zu finden, mit denen du Dich besprechen kannst, und dann ja oder nein, und gut ist.

Am Ende ist es ja nicht eine Entscheidung zwischen einer ganz tollen und einer ganz schlechten Variante - sondern wahrscheinlich wirst Du in mehreren möglichen Lebenswegen ganz zufrieden sein. Wünsche Dir viel Erfolg! ;)
 
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Dem muß ich uneingeschränkt zustimmen. Es geht nicht nur um "Geschichte", Jahreszahlen und Namen der Komponisten und ihrer Werke, sondern um die vergleichende Evolution der Musik, und dazu gehört eine theoretische und praktische Auseinandersetzung mit den Werken. [...]

Hier spreche ich als Schüler, der in seiner Freizeit viel klassische Musik gehört hat, regelmäßig in Konzerte und in die Oper gegangen ist, die Musik über alles liebte, aber seine musikalische "Bildung" beschränkte sich auf Namen und Jahreszahlen - mehr haben uns die Lehrer nicht vermittelt. Ja, ich kenne die einzelnen Epochen, ihre Vertreter und viele Werke, aber ich habe nie erfahren, wie sich die Musik über die Jahrhunderte entwickelt hat. Und das fehlt mir heute noch, denn ich habe nicht mehr die Fähigkeit, diese Bildungsdefizite aufzufüllen.

Ich denke, es ist wichtig (gerade für Außenstehende, die sonst die Institution "Schule" nur aus ihrer eigenen, vermutlich schon lange zurückliegenden Schulzeit kennen und dann auch noch meist lediglich aus der reinen Schülerperspektive), hier mit bestimmten Idealismen vorsichtig zu sein.
Zwar gebe ich dir in der Theorie Recht, dass der Anspruch an einen qualitativ guten Unterricht sich längst nicht nur durch das Auswendiglernen und Runterbeten faktualen bzw. deklarativen Wissens zusammensetzt, allerdings bringt die beste Theorie nichts, wenn die ge- & erlebte Praxis bzw. Realität hier diametral entgegenläuft. Und hier spreche ich ein stückweit aus Erfahrung, auch wenn ich selbst noch nicht allzu viel vor einer Klasse stand bislang.

Man muss nämlich in der Realität nicht erst an einer Brennpunkt-Schule in Berlin-Neukölln unterrichten, um zu erkennen, dass der von frischen Junglehrer-Spunden gelebte, geträumte und leider in vielen Fällen auch einfach schlichtweg naive Idealismus an einen "perfekten Unterricht" in 95% nichts weiter ist als rosarote Luftschlösser. Am härtesten trifft es hier die frisch-gebackenen Lehramtsstudiumsabsolventen, die aus ihren Uni-Elfenbeintürmen fernab von gelebter und erlebter Realität in ihrer idealisierten Theorie höchst-motiviert und zu 100% von sich überzeugt an die Schulen strömen, fest im Glauben, auf sie habe man nun gewartet und sie würden die Art des Unterrichtens revolutionieren. Recht schnell folgt dann der sogenannte "Praxis-Schock" - in anderen Worten: die Realität.

Und die sieht dann eher so aus, dass, wenn du nicht gerade an einem Elite-Musikgymnasium Musik unterrichten darfst, du eher dankbar und froh sein musst, wenn 25% der Schüler den Unterschied zwischen einem Violin- & Bassschlüssel kennen - vom Notenlesen oder gar deiner Vorstellung einer "vergleichenden Evolution der Musik" inklusive epochal-kontrastiver Eigenheiten bestimmter Werke und Komponisten (bzw. in den Literaturwissenschaften wären es dann Werke & Autoren) ganz zu schweigen...

Und um es direkt schon mal vorwegzunehmen: in den meisten Fällen hat da auch die Lehrqualität keinen großen Einfluss mehr - soll heißen, da kannst du dich als Lehrer auf den Kopf stellen und 'nen Hampelmann vorne machen - das jeweilige Schülerklientel bzw. deren mitgebrachte (intrinsische) Motivation, Einstellung (und ganz wichtig) Sozialisierung spielt da ganz maßgeblich eine Rolle, wie qualitativ hochwertig eine Unterrichtsstunde läuft...

In der Realität bist du froh, wenn du halbwegs irgendwie dem ministerialen Bildungsplan nachkommen kannst, wenngleich auch das nicht immer rund läuft und oftmals endet ein Schuljahr, ohne dass alle Ziele des Bildungsplans für das Schuljahr vollständig abgedeckt & erreicht wurden, weil du viel zu viele Stunden, in denen eigentlich Zeit für eine neue Einheit gewesen wäre, damit verbringen musst, den Stoff der letzten 6 Wochen aus den letzten Einheiten gebetsmühlenartig zu wiederholen, weil es in der nächsten Stunde einfach beim Großteil der Schüler wieder weg ist.

Nicht umsonst ist der Lehrerberuf mit einer der Berufe mit den höchsten Burnout und Abbrecherquoten. Fast die Hälfte macht den Job nicht bis zur Pension, entweder aus gesundheitlichen oder motivationalen Gründen.
 
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Ich denke, es ist wichtig (gerade für Außenstehende, die sonst die Institution "Schule" nur aus ihrer eigenen, vermutlich schon lange zurückliegenden Schulzeit kennen und dann auch noch meist lediglich aus der reinen Schülerperspektive), hier mit bestimmten Idealismen vorsichtig zu sein.

Es stimmt, meine Schulzeit liegt schon lange zurück, und ich bin heilfroh, daß aus unseren heutigen Klassenzimmern Schlagstöcke, mit denen der Lehrer einigen meiner Mitschüler auf die Hände geschlagen hatte, endgültig verschwunden sind und daß Lehrer im Unterricht ohne diese demütigende "körperliche Züchtigung" auskommen müssen.
Mit anderen Worten: Nein, früher war nicht alles besser.

Sicherlich waren wir damals als Klasse nicht dümmer oder fauler als die heutigen Schüler, und auch damals gab es (wie auch heute) gute und schlechte Lehrer (damals gab es viele Lehrer mit Kriegserfahrung und Nazivergangenheit), aber aus meiner Klasse haben es ins Gymnasium (und dann auch den Abi-Abschluß) genau drei Schüler geschafft. :-(

Heute sind es deutlich mehr (vielleicht 5x mehr? ich weiß es nicht), und dieses Mehr interpretiere ich als Verbesserung in unserem Bildungssystem, und zwar für beide Seiten - Schüler und Lehrer.

In der Realität bist du froh, wenn du halbwegs irgendwie dem ministerialen Bildungsplan nachkommen kannst ...

¯\_(ツ)_/¯

An dieser Stelle muß ich passen. Wie es in den Schulen heute aussieht, weiß ich nicht. Ich kenne nur einige "Produkte" der schulischen Bildung. Meine drei Kinder sind alle mehr als 10 Jahre älter als Du, alle drei haben ein abgeschlossenes Uni-Studium (das eine Kind hat sogar zwei Uni-Abschüsse) und nebenbei haben sie mehrere Musikinstrumente gespielt (Spaßniveau) - in der Schulband oder mit gleich-interessierten Freunden.
Es waren keine Streber oder gar Musterschüler. Nein. Mal waren sie Feuer und Flamme, mal hatten sie Null-Bock auf Lehrer. Es gab sogar blaue Briefe, dann haben sie wieder Gas gegeben und die Versetzung doch noch geschafft.

Kinder und Jugendliche sind so - sie suchen ihren Weg, sind bockig und für einen guten Rat schwer zu erreichen. Aber sie sind von Natur aus neugierig, und diese Neugierde kann ein Lehrer wecken und sein Wissen auf einen fruchtbaren Boden streuen. Manche Keimlinge erlebt er noch in demselben Schuljahr, manche Pflänzchen kommen erst nach vielen Jahren zur Blüte, und der Lehrer erfährt es nicht. Aber er sollte seine Schüler nicht aufgeben.

Gruß, Bjoern
 
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Es stimmt, meine Schulzeit liegt schon lange zurück, und ich bin heilfroh, daß aus unseren heutigen Klassenzimmern Schlagstöcke, mit denen der Lehrer einigen meiner Mitschüler auf die Hände geschlagen hatte, endgültig verschwunden sind und daß Lehrer im Unterricht ohne diese demütigende "körperliche Züchtigung" auskommen müssen.
Mit anderen Worten: Nein, früher war nicht alles besser.

Das war jetzt kein passender Vergleich. Man muss nicht immer direkt in die Extreme gehen, um Vergleiche anzustellen. Dass sich das allg. Schulklima auch ohne das Fortbestehen "körperlicher Züchtigungen" erheblich verändert hat im Vergleich zu 20, 30 Jahren (wo es im Übrigen auch damals schon keine solchen Praktiken mehr gab), ist evident. Zur Not kann man das in jeder halbwegs aktuellen Bildungsstudie nachlesen - Stichwort PISA.

Sicherlich waren wir damals als Klasse nicht dümmer oder fauler als die heutigen Schüler, und auch damals gab es (wie auch heute) gute und schlechte Lehrer (damals gab es viele Lehrer mit Kriegserfahrung und Nazivergangenheit), aber aus meiner Klasse haben es ins Gymnasium (und dann auch den Abi-Abschluß) genau drei Schüler geschafft. :-(

Heute sind es deutlich mehr (vielleicht 5x mehr? ich weiß es nicht), und dieses Mehr interpretiere ich als Verbesserung in unserem Bildungssystem, und zwar für beide Seiten - Schüler und Lehrer.

Tatsächlich? Du siehst es maßgeblich durch eine Verbesserung im Bildungssystem begründet? Wie erklärst du dir dann die zeitgleich zum Himmel schreienden, schlechten PISA-Ergebnisse, bei denen Deutschland regelmäßig Schlusslicht ist im internationalen Vergleich? Ich sehe es eher mit einer sog. Bildungsinflation begründet - soll heißen, der Anspruch und die Qualität dessen, was erwartet und gebraucht wird, um auf's Gymnasium zu kommen bzw. am Ende ein Abitur zu erlangen hat ist erheblich gesunken.

Vergleicht man mal die Abiturprüfungen von vor 30 Jahren mit denen heute, sieht man das auch ganz schön im kontrastiven Vergleich. Grundschulempfehlungen werden/wurden abgeschafft, mittlerweile bestimmen nicht mehr ausgebildete Pädagogen durch eine wohl-überlegte Empfehlung, ob das Kind das Zeug für's Gymnasium hat - nein, mittlerweile wollen das die Eltern selbst in die Hand nehmen, denn es wäre ja eine Schande, wenn ihr "Justus-Jonas" wie alle anderen Nachbarskinder nicht auf's Gymnasium ginge. "Da geht doch heute schließlich jeder hin."...

Ob dieses Kind intellektuell bzw. kognitiv auf einem Gymnasium glücklich ist, zurechtkommt, hinterherkommt, ist dann heute eher zweitranging. Dasselbe in grün beklagen reihenweise die Dozenten und Profs an den Unis: durch diese genannte Bildungsinflation, das Verwässern der gymnasialen Ansprüche bzw. das "Durchschleifen" sowie der ähnlich-elitäre Anspruch "Ich muss jetzt nach dem Abi unbedingt studieren, eine Lehre/Ausbildung ist unter meinem Niveau, schließlich studiert mein gesamter Freundeskreis ja auch..." führt in der Folge regelmäßig dazu, dass eine unglaubliche Schwemme an Neustudenten an die Unis strömen, von denen die meisten Unis einerseits kapazitätsmäßig auf diese Schwemme gar nicht mehr ausgerichtet sind und zudem diese große Anzahl an Neustudenten mittlerweile im Vergleich zu früher einen Bildungsstand aufweist (oder vielmehr nicht mehr aufweist), dass sich regelmäßig Dozenten verzweifelt die Haare raufen. Da ist von "massiven Problemen in Rechtschreibung & Grammatik" der heutigen Studierenden die Rede, von sinkenden Aufmerksamkeitsspannen, sodass die meisten kaum noch in der Lage sind, kognitiv einer 90-minütigen Vorlesung bis zum Schluss zu folgen. Von einer derart "massiven Ausdünnung des gymnasialen Schulstoffs" ist in einem Brandbrief von über 130 Professoren & Mathelehrern die Rede, dass die allgemeinen Vorkenntnisse, die heutige Studierende mitbringen, in den meisten Fällen für ein Hochschulstudium längst nicht mehr ausreichen...

Im Lichte dieser (nicht erst seit gestern bekannten) traurigen Fakten dann von einer "Verbesserung unseres Bildungssystems" zu sprechen, halte ich dann schon für etwas gewagt, denn es könnte nicht gegensätzlicher sein.

¯\_(ツ)_/¯

An dieser Stelle muß ich passen. Wie es in den Schulen heute aussieht, weiß ich nicht.

Eben nicht besonders gut, wie ich oben versucht habe darzulegen. Zumindest wesentlich schlechter im Vergleich als noch vor 30, 40 Jahren (und auch damals gab's schon keinen Rohrstock mehr...)

In meinen Augen gehört das gesamte Schul- und Bildungssystem von der Pike auf renoviert bzw. grundsätzlich neu ausgerichtet. Wir müssen wieder zurück zu der Tatsache, dass es keine Schande und auch kein Weltuntergang ist, wenn mal jemand NICHT auf's Gymnasium geht (gehen kann). Wir müssen wieder zurück zu der Selbstverständlichkeit, dass man auch ohne erlangtes Abitur und Studium gut-bezahlte und erfüllende Berufschancen ergreifen kann. Mittlerweile verlangen selbst die meisten Ausbildungsbetriebe als Voraussetzung bereits ein Abitur... Ursprünglich galt das Abitur mal als die allgemeine Hochschulreife - nicht Ausbildungsreife. Aber dank der immer weiter voranschreitenden Bildungsinflation ist auch ein Abitur immer weniger wert. Bei den Studienabschlüssen genauso.
Wenn wir mittlerweile den 50.000 Germanistikbachelor-Absolventen haben, wo es vor 30 Jahren vielleicht nur 5000 waren, dann ist das eine reine mathematische & statistische Gewissheit, dass nicht alle 50.000 auf dem freien Arbeitsmarkt unterkommen können. Angebot & Nachfrage. Der Studienabschluss eines Faches wird weniger wert, je mehr Absolventen vom selben Fach es gibt.

Wir müssen wieder dahin zurück, dass nicht unausgebildete Eltern aus ideologischen oder prestigeträchtigen Gründen bestimmen, dass ihr Justus-Jonas gefälligst aufs Gymnasium zu gehen hat und danach Medizin zu studieren hat wie sie selber, sondern dass es OK ist, wenn das Kind vielleicht "nur" auf die Realschule geht. Wenn es später dann den Wunsch oder das Gefühl hat, weitermachen zu wollen, kann man auch dann immer noch über den zweiten Bildungsweg ein Abitur nachholen und ein Studium beginnen.

Solange das alles aber so wie momentan weitergeht, wo Gymnasien die eigentlichen Ansprüche derart senken, damit am Ende vom Schuljahr nicht 90% der Klasse sitzen bleibt und man dann in peinliche Erklärungsnot kommen würde, solange mittlerweile über 95% heutzutage nur noch Abitur machen und danach einfach mal "irgendwas studieren, weil's ja im Trend liegt", braucht man sich über die aktuelle Bildungssituation keinen Meter wundern.

Dass dann immer weniger Leute Interesse am Lehrberuf haben, weil sie sich sagen, da leb ich in einem anderen Berufsfeld zweifellos stressarmer und ruhiger selbst bei 500€ weniger Netto und wir deshalb seit längerem auch schon einen eklatanten Mangel an Lehramtsinteressierten haben, ist eigentlich nur allzu verständlich.

Ein Teufelskreislauf, der sich selbst aufrecht erhält. Das gesamte System gehört grundlegend neu ausgerichtet.

Aber er sollte seine Schüler nicht aufgeben.

Von "aufgeben" sprechen wir hier ja gar nicht. Die o.g. Punkte sind ganz andere Dimensionen als etwa irgendwelche einzelnen Lehrkräfte, die ihren Job nicht gut oder gerne machen würden. Jede noch so motivierte und gute Lehrkraft geht in diesem System früher oder später zugrunde. Noch detailliertere Lektüre & Einblicke aus der Lehramtsrealität gibt es z.B. im www.lehrerforen.de

Dem muß ich uneingeschränkt zustimmen. Es geht nicht nur um "Geschichte", Jahreszahlen und Namen der Komponisten und ihrer Werke, sondern um die vergleichende Evolution der Musik, und dazu gehört eine theoretische und praktische Auseinandersetzung mit den Werken. [...]

Hier spreche ich als Schüler, der in seiner Freizeit viel klassische Musik gehört hat, regelmäßig in Konzerte und in die Oper gegangen ist, die Musik über alles liebte, aber seine musikalische "Bildung" beschränkte sich auf Namen und Jahreszahlen - mehr haben uns die Lehrer nicht vermittelt. Ja, ich kenne die einzelnen Epochen, ihre Vertreter und viele Werke, aber ich habe nie erfahren, wie sich die Musik über die Jahrhunderte entwickelt hat. Und das fehlt mir heute noch, denn ich habe nicht mehr die Fähigkeit, diese Bildungsdefizite aufzufüllen.

Und um am Ende jetzt nochmal den Bogen zurück zu schlagen zu diesem zweifellos lobenswerten Anspruch - im Lichte der obigen Erkenntnisse wird aber, wie ich ja auch schon im vorherigen Beitrag versucht habe darzulegen, sehr schnell deutlich, dass dieser von dir gezeichnete Anspruch allenfalls in einer perfekten Realität mit perfektem Schul- und Bildungssystem umsetzbar wäre.

Die traurige Realität stattdessen sieht so aus, dass 90% der Schüler an einem Nicht-Musikgymnasium das Schulfach Musik nur solange absitzen, bis sie es dann (meist nach der 10ten Klasse) komplett abwählen können. Die übrigen 10% sind dann jene, die Musik auch weiterhin belegen in die Oberstufe hinein und dann evtl. dort auch ihr Abitur darin ablegen. Bei uns damals vor 15 Jahren waren wir gerade mal insgesamt 5 Leute. Die ursprüngliche Klassengröße war 25. Und diese Problematik betrifft ja nicht nur allein das Fach Musik - selbst die nicht-abwählbaren Kernfächer wie Deutsch, Mathe, Englisch leiden genauso an einem Verfall der Unterrichtsqualität.

An Schulen außerhalb der gymnasialen Ausrichtung, etwa (Werks-)realschulen ist ein regelhafter Unterricht mittlerweile sogar zur Seltenheit geworden. In den meisten Fällen findet dort gar kein regelkonformer Unterricht mehr statt, weil die meiste Zeit der Unterrichtsstunde dafür verschwendet werden muss, Schüler zu zähmen bzw. die Klasse zur Konzentration & Mitarbeit zu bewegen...

Und auch an Gymnasien findet diese Tendenz mehr und mehr Einzug. Und selbst WENN es dann mal nicht an demotivierten und störenden Schulklassen läge, dann kommen massenhaft die anderen externen Faktoren mit dazu: Lehrermangel an allen Ecken & Enden, monatelange Krankschreibungen von Kollegen...

Für idealistischen Unterricht, wie man sich das so träumerisch optimal vorstellt, bleibt längst keine Zeit mehr:

Für das Unterrichten, so wie Victoria es im Referendariat gelernt hatte, ist im realen Lehreralltag mit einem Mal keine Zeit mehr. Nach dem Unterricht und den Schulkonferenzen ist sie manchmal erst nach 18 Uhr zu Hause. Sie beginnt bei den Unterrichtsstunden abzuspecken: "Ich habe begonnen, auch Unterricht zu machen, der aus meiner Sicht fachdidaktisch schlecht ist."

Und da sind dann störende Klassen & chronisch-demotivierte Schüler, die keine Lust auf ein (aus deren Sicht) "Orchideenfach" haben, das sie sowieso so schnell es geht wieder abwählen wollen, noch gar nicht mit inbegriffen...
 
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Ich habe damals (1995) Musik für Lehramt studiert, allerdings nicht wie der TE auf Gymnasium sondern lediglich Grund- und Hauptschule. Hauptgrund war erst einmal einzig mein Interesse für Musik, um das den Kindern nahe zu bringen. Der Musiklehrer auf meinem Gymnasium war leider - wie das zu der Zeit häufig der Fall war - ein gescheiterter Musiker, hochgradig arrogant und hat alle Schüler, die nicht auf seiner Linie waren, nicht im Orchester spielten, nicht im Chor mitsangen, und nicht die Basics der Klassik drauf hatten (Epochen, daten und Fakten der wichtigsten Komponisten) abgeschrieben - kurz um, er hat eigentlich 90% der Schüler die Freude an der Musik vergrault. Das wollte ich besser machen.
Eine Aufnahmeprüfung für das Fach gab es and er Uni nicht, im Gegenteil hat es mich irritiert, dass einige Leute das Fach gewählt hatten, die weder ein Instrument spielten, was eigentlich Grundvoraussetzung sein sollte, nicht einmal Noten konnten, geschweige Harmonielehre. Gut war bei dem Studium, dass ich dort die ganzen 5 Jahre Gesangsunterricht hatte, und auch Instrumentalunterricht. Ich hab dort meine Klavierkenntnisse wieder aufgefrischt, meine autodidaktischen Gitarrenkünste ausgebaut, zwei Jahre Schlagzeug-Unterricht bekommen. Außerdem war ich die ganze Zeit in einer Percussion-Gruppe, was mir enorm viel für mein Rythmus-Gefühl und -Verständnis gebracht hat.
Dass dass Fach Musik allerdings für das spätere Berufsleben sich eher negativ dargestellt hat, musste ich dann nach dem zweiten Staatsexamen feststellen, als ich auf der Suche nach einer Schule war. Keine Ahnung, ob das heute auch noch so ist, früher hatte man im Studium zwei Hauptfächer und ein Drittfach. Mein 2. Hauptfach war Deutsch und mein 3. Fach war Englisch. In die Ausschreibung der Stellen von der Bezirksregierung kam es lediglich auf die beiden Hauptfächer an, mein Drittfach war ohne Belang, obwohl zu der Zeit eine Fremdsprache an den Grundschulen eingeführt wurde und eigentlich alle Schulen dringend Lehrer dafür brauchten. Und was die anderen Stellen anging, gab es so gut wie keine mit Musik. Es gab überwiegend Schulen, die Mathematik und Naturwissenschaften, manchmal auch Sportlehrer suchten. Ich hatte mich zwar bei drei Schulen vorgestellt, die liebend gerne einen Musiklehrer gehabt hätten, aber keine Ausschreibung für dieses Fach bekamen.
 
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Ich finde es sehr interessant das hier zu verfolgen. Im Musiklehramt waren die Aufnahmeprüfungen gerade in den 2010er Jahren, in denen ich auch damit konfrontiert war, aus meiner Perspektive schwieriger als derzeit. Vieles liegt auch an zunehmender Transparenz der Hochschulen was die Inhalte in Theorie/Gehörbildung betrifft. Einige Hochschulen sind schon sehr digital und wollen die künstlerischen Beiträge als Video.

Musiklehrer sein und Musiklehramt studieren sind aber zwei völlig unterschiedliche Sachen. Und so sehr ich es nachvollziehen kann, dass man das Studium attraktiv findet und darin eine Form der Persönlichkeitsentwicklung und Identität sieht, so sollte man auch an die Zeit danach denken. Im Lehramt landet so schon nur ein kleiner Teil der Studenten, die das Studium begonnen haben, überhaupt an der Schule. Viele haben schon nach dem Studium keine Lust auf Schule, manche verschreckt dann das Referendariat. Aber gerade in Musik finde ich den Anteil noch höher, da viele das Studium eben wegen des Studiums studieren.

Wenn man nicht Musizieren als Broterwerb verfolgt, sondern wirklich Musik vermitteln möchte, dann ist das Lehramtsstudium und auch der Beruf im Klassenzimmer perfekt. Wenn man aber ein nischiges Interesse an Musik hat und sich da weiterentwickeln will, dann finde ich das Lehramt in einem anderen Fach eine gute Option. Ich würde dann lieber auf Privatunterricht im eigenen Interessengebiet setzen.

Eine Aufnahmeprüfung für das Fach gab es and er Uni nicht, im Gegenteil hat es mich irritiert, dass einige Leute das Fach gewählt hatten, die weder ein Instrument spielten, was eigentlich Grundvoraussetzung sein sollte, nicht einmal Noten konnten, geschweige Harmonielehre.
So ging es mir tatsächlich auch. Finde auch im Grundschulbereich ist eine gewisse musikalische Kompetenz zwingend, um flexibel unterrichten zu können und nicht nur auf Playbacks zurückzugreifen.
 
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Wie schon geschrieben war mein Hauptinteresse schon, Musik zu vermitteln und zu unterrichten. Ich hab das im Referendariat knapp zwei Jahre praktiziert und es hat mich überhaupt nicht abgeschreckt, sondern eher noch bestätigt. Die Situation hinterher, nämlich eine Stelle zu bekommen, hat mich frustriert, weswegen ich dann doch einen komplett anderen Weg eingeschlagen habe. Heute bin ich wieder an dem Punkt, wo ich helfe, Jugendliche zu coachen, aber nicht in der Früherziehung oder in den Basics, sondern sie für das Spielen in der Band vorzubereiten und fit zu machen, wo halt in der Schule nichts mehr kommt, weil es entweder am Equipment oder an den Räumlichkeiten und Möglichkeiten mangelt, oder wo es keine Lehrkräfte gibt, die das unterstützen.
 
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Im Musiklehramt waren die Aufnahmeprüfungen gerade in den 2010er Jahren, in denen ich auch damit konfrontiert war, aus meiner Perspektive schwieriger als derzeit.

Das hat mir jüngst auch ein Dozent einer Musikhochschule so bestätigt, mit dem ich ins Gespräch gekommen bin zwecks Musikstudium. Damals vor 13 Jahren war es zumindest hier in BaWü an den Musikhochschulen so, dass die Aufnahmeprüfung begrenzt war - man hatte 2 Versuche. Hat man sie beide Male verhauen, dann galt man landes- oder gar bundesweit (das weiß ich jetzt nicht mehr) für das Musikstudium gesperrt.

Mittlerweile ist es nun wohl so, dass man unendliche Versuche hat für eine Aufnahmeprüfung. Schafft man sie im Wintersemester nicht, probiert man es halt im Sommersemester erneut oder dann nochmal im Wintersemester. Finde ich prinzipiell besser, denn das nimmt auch etwas den Druck und die Angst. Ich war selbst ziemlich abgeschreckt von der Tatsache, dass man alleine nur, um Musik studieren zu können, fast schon ein halbes Musikstudium in Eigenregie davor absolviert haben musste, nur um überhaupt mal angenommen zu werden. Die Kenntnisse der Schulzeit, selbst mit Abitur, reichen bei weitem nicht aus, um an eine Musikhochschule zu gelangen.

Das ist in anderen Studienfächern doch anders. Zwar gab es auch in Englisch bei mir an der Uni Freiburg einen Aufnahmetest, wo quasi im Voraus schon ausgesiebt wurde zwecks Studienplatz, aber da reichten eigentlich die Vorkenntnisse aus der Schule völlig aus, um den zu bestehen. Keinesfalls musste da schon ein halbes Anglistikstudium absolviert werden, um diese Eignungsprüfung zu schaffen.

Das hat man mittlerweile auch an den Musikhochschulen erkannt und man sagte mir, gepaart mit der Tatsache, dass sie sowieso einen hochgradigen Mangel an Musiklehrern haben, mussten sich jetzt auch mal die Musikhochschulen an die eigene Nase fassen und eruieren, warum eigentlich so wenig Studierende überhaupt Musik studieren. Und mit einer dieser Punkte war eben die ziemlich abschreckende Aufnahmeprüfung im Voraus.
 
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Die Situation in den heutigen Schulen kann ich nicht beurteilen. Meine Enkelkinder sind schon aus der Schule raus, und die Lehrer, die wir im Freundeskreis haben, sprechen über die Schule eher anekdotisch-kritisch, machen aber keinerlei ausgebrannten Eindruck.

Tatsächlich? Du siehst es maßgeblich durch eine Verbesserung im Bildungssystem begründet?

Ja. Viele meiner Mitschüler konnten nicht aufs Gymnasium, weil der Lehrer sie nicht mochte, weil die Eltern dafür kein Geld hatten oder höhere Bildung für unnötig hielten, weil, weil, weil.

Zu meiner Studienzeit waren die Hörsäle überfüllt, viele Studenten standen wie eine Traube in der offenen Tür, um überhaupt etwas mitzubekommen, notorischer Lehrer- und Kursleitermangel. Das alles kannten wir vor 50-60 Jahren auch schon. Auch die Einstellung der Generation unserer Eltern zu uns, den langhaarigen Studenten war verachtend, viele hätten uns am liebsten die Haare geschoren und uns ins Arbeitslager geschickt. Damals galten Studenten als faul und arbeitsscheu.
Und doch hat sich heute viel verändert. Die Bildungsnotwendigkeit ist in aller Munde, und die höhere Bildung steht breiten Gesellschaftsschichten offen - arm, reich, Arbeiterkinder usw. bekommen ihre Chance. :great:

Mittlerweile verlangen selbst die meisten Ausbildungsbetriebe als Voraussetzung bereits ein Abitur...

Das kann auch an den neuen Technologien liegen, die der Handwerker verstehen und bei der Installation berücksichtigen muß. Die Hauselektrik wird heute anders angelegt als vor 50 Jahren, und dafür braucht man eine andere Vorbildung (vielleicht auch einen Abiturabschluß).
Sicherlich braucht auch die Bildung in Deutschland eine kontinuierliche Anpassung, vielleicht auch eine kleine Reform, um mit den drastischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen Schritt zu halten. Aber daß Deutschland voll von "unqualifizierten Abiturienten" wäre? Nein, den Eindruck habe ich nicht.

Und da sind dann störende Klassen & chronisch-demotivierte Schüler, die keine Lust auf ein (aus deren Sicht) "Orchideenfach" haben, das sie sowieso so schnell es geht wieder abwählen wollen,

Musik auf Lehramt gehört bestimmt zu den (anspruchsvollen) Berufen, die nicht jeder ergreifen und ausüben kann. Solche pessimistische Einstellung zu den Schülern sehe ich persönlich als das größte Hindernis.

Gruß, Bjoern
 
Solche pessimistische Einstellung zu den Schülern sehe ich persönlich als das größte Hindernis.

Ich würde die alltäglichen Zeugnisse aus deutschen Klassenzimmern jetzt nicht zwangsweise oder vorschnell mit Pessimismus gleichsetzen. Das würde nämlich unterstellen, dass all die oben von mir extra verlinkten Artikel, die all das objektiv untermauern, sowie die Berichte vieler tätigen Lehrerinnen & Lehrer nichts weiter als etwaige Panikmache oder Pessimismus seien.

Du schreibst ja selbst, dass du mittlerweile nur noch wenig bis gar keine Berührungspunkte mehr zur Institution Schule hast und als du selbst noch dort warst, war das alles sowieso nochmal eine ganze andere Zeit. Aber dann bzw. gerade deshalb solltest du dann auch annehmen oder darauf vertrauen, dass zeitgenössische Gegenwartsbeschreibungen des momentanen Ist-Zustands des Bildungssystems an vielen deutschen Schulen auch zutreffend und eben kein Pessimismus sind. Artikel und Studien dazu gibt's zuhauf. Falls du es aus meinem Munde (oder hier eher "von meiner Tastatur") nicht glauben magst, dann recherchiere gerne anderenorts dazu und da wirst du dann auf ähnliche Ergebnisse kommen.

Diese Erkenntnisse und Beschreibungen sind ja jetzt nichts, was sich irgendjemand aus Langeweile an den Haaren herbeizieht...
 
Falls du es aus meinem Munde (oder hier eher "von meiner Tastatur") nicht glauben magst, dann recherchiere gerne anderenorts dazu und da wirst du dann auf ähnliche Ergebnisse kommen.

So habe ich es nicht gemeint. Ich stelle die Beschreibungen der Situation in heutigen Schulen nicht in Frage, ich weiß nicht, wie es in der Schule aussieht. ¯\_(ツ)_/¯

Meine Betrachtung bezieht sich auf Deine Wahrnehmung und Empfindung. Auf der einen Seite möchtest Du Musik auf Lehramt studieren, was auch mit vielen Anstrengungen und Entbehrungen verbunden ist, auf der anderen Seite siehst Du bei den Schülern wenig Interesse für das Fach Musik. Eine solche "Perspektive" ist in meinen Augen ein Hindernis, sich für das Studium und den Beruf zu entscheiden.

Gruß, Bjoern
 
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auf der anderen Seite siehst Du bei den Schülern wenig Interesse für das Fach Musik.

und dabei nicht nur ausschließlich für das Fach Musik. Die oben beschriebenen Zustände an deutschen Schulen, zusammen mit meiner dann bislang doch nicht so optimalen Fächerkombination waren mit einer der Gründe dafür, warum ich nach dem Lehramtsstudium absichtlich eben noch nicht ins Referendariat bin bzw. an eine Schule. Selbst mit meiner Wunschfach-Kombi Englisch-Musik hätte und hatte ich schon immer einige Zweifel bezüglich des Lehramts, insbesondere, wenn ich mir die Erste-Hand-Berichte vieler ehemaligen Kommilitonen, die direkt nach der Uni an die Schule sind, so anhöre, von denen nicht wenige mittlerweile schon gar nicht mehr im Lehramt sind.

Die Arbeitsbelastung bzw. der Korrekturaufwand ist mit meiner derzeitigen Kombi (Englisch & Deutsch) einer der höchsten, die man von allen Fächern haben kann, da es bekanntermaßen zwei literatur- und schreibintensive Fächer sind, wo man im Gegenzug zur Matheklausur nicht einfach nur ein Häkchen oder ein Falschzeichen unter die Rechnung setzt.
Das war das erste, was sie mir damals im Praxissemester "zur Begrüßung" gesagt haben. Dass sowas Studierende nicht motiviert und dann noch bei einer ohnehin nicht so ganz überzeugten Fachkombi, geschweige denn im Lichte all der anderen strukturellen Probleme, die oben genannt wurden, ist dann auch nicht mehr sonderlich verwunderlich.
 
Die Kenntnisse der Schulzeit, selbst mit Abitur, reichen bei weitem nicht aus, um an eine Musikhochschule zu gelangen.
Die Kenntnisse aus dem Sportunterricht reichen auch nicht, um Sport zu studieren.

Die Arbeitsbelastung bzw. der Korrekturaufwand ist mit meiner derzeitigen Kombi (Englisch & Deutsch) einer der höchsten, die man von allen Fächern haben kann
Das weiß man doch aber vorher, dazu muss man nicht 5 Jahre studieren ;)

Ich vermisse bei Dir irgendwie die positive Motivation ... beruflich gesehen. Macht Dir denn deine jetzige Tätigkeit Spaß, gibt sie Dir irgendwie Sinn?

Das hat man mittlerweile auch an den Musikhochschulen erkannt und man sagte mir, gepaart mit der Tatsache, dass sie sowieso einen hochgradigen Mangel an Musiklehrern haben, mussten sich jetzt auch mal die Musikhochschulen an die eigene Nase fassen und eruieren, warum eigentlich so wenig Studierende überhaupt Musik studieren. Und mit einer dieser Punkte war eben die ziemlich abschreckende Aufnahmeprüfung im Voraus.
Andersrum wird ein Schuh draus.
Wenn die Leute Schlange stehen und zehn Leute auf einen Studienplatz kommen, MUSS man irgendwie aussieben.
Dass das beim Musikstudium nicht nach dem Abiturdurchschnitt geht, ist ja irgendwie logisch. Und was soll da besser sein als eine Aufnahmeprüfung?

In manchen Studienfächern wurden früher (weiß nicht ob das noch so ist) teilweise deutlich mehr Leute aufgenommen als nach zwei Jahren noch da sein sollten. Da ist quasi "eingeplant", die ungeeigneten Leute durch die Prüfungen rauszuhauen, bzw. waren die Erfahrungswerte so. Das hat Vorteile (man kann erstmal schauen, ob das Studium passt) aber auch Nachteile (verloren Zeit, Ressourcen an der Uni).

Es ist doch am Ende ganz einfach - wenn ich was studieren will, dann versuche ich die Aufnahmeprüfung an allen möglichen Hochschulen, bereite mich optimal vor usw.
Wenn es nicht geht, kann man noch versuchen, ein verwandtes Studium zu finden.
Sonst halt was anderes. Ich kann an einer Aufnahmeprüfung nichts verwerfliches finden. Es ist ein teures Studium, durch den Einzelunterricht sind die Plätze hart begrenzt - und wenn die Leute nach anderthalb Jahren aufhören, ist das eine Verschwendung von Ressourcen.

Wenn es nicht genügend Musiklehrer gibt, dann sollte sich das auch in der Anzahl der angebotenen Studienplätze zeigen. Und wenn die Hochschule keine Aufnahmeprüfung mehr macht, wird es eher daran liegen und nicht, dass sich irgendjemand plötzlich gefragt hat: "Huch, wieso haben wir denn gar keine Studis?" ;)

Das Ziel ist ja eigentlich auch nicht, eine feste Zahl x Studis auszubilden, sondern diejenigen, die motiviert und fachlich gut sind, dann beruflich auch eine Zukunft haben und denen die bestmögliche Ausbildung zukommen zu lassen.
 
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Macht Dir denn deine jetzige Tätigkeit Spaß, gibt sie Dir irgendwie Sinn?

Nachdem ich bereits vor dem Lehramtsstudium 1 Jahr FSJ im "Sozialen Arbeit"-Bereich gemacht und dort mit Jugendlichen gearbeitet hatte, was mir rückblickend dann doch ziemlich Spaß gemacht hat und wo man mir auch gutes Feedback gab (ein Tätigkeitsfeld, was damals auch so überhaupt gar nicht bei mir auf dem Schirm war und ich nie dachte, dass ich mir so eine Arbeit mal vorstellen könnte), bin ich nach Beendigung des Lehramtsstudiums - auch wegen Mangel an sonstigen Alternativen (denn ein Lehramtsstudium ist beruflich gesehen eine ziemliche Einbahnstraße. Entweder Schule oder eben neu studieren/umorientieren) - auch erstmal wieder in dieser Sparte gelandet und an für sich macht mir diese Arbeit auch Spaß. Sie ist nicht so stressig wie im Lehramt, hat aber von den Arbeitszeiten und Wochenstunden mindestens genauso viel Pensum wie ein Vollzeitlehrer.

Es ist anfangs als Übergangslösung gedacht gewesen, bis ich dann letztlich doch endlich ins Ref und an die Schule gehe. Und diesen Plan habe ich ja nach wie vor trotz aller genannter Kritik am Schulsystem immer noch. Aber bevor ich mich dann ins Ref stürze und damit dann erst Recht beruflich gebunden sein würde, kam eben der Gedanke nochmal ans Musikstudium auf. So quasi als letzte Chance, das jetzt vor dem Ref noch irgendwie anzugehen...

Die Kenntnisse aus dem Sportunterricht reichen auch nicht, um Sport zu studieren.

Halten wir fest: in den meisten anderen Fächern reichen die Schulkenntnisse für ein Studium aus, bloß die künstlerischen (BK, Musik, Sport) Fächer tanzen hierbei aus der Reihe...

Das weiß man doch aber vorher, dazu muss man nicht 5 Jahre studieren

Nein, speziell wie der Schulalltag mit Fächern X & Y aussieht, weiß man nicht zwangsweise vorher schon. Jedenfalls wird einem das bis zum Schulpraxissemester, wo man dann erstmals während des Studiums die Praxis in einer Schule kennenlernt, nicht wirklich konkret vermittelt. Jetzt könnte man zwar anführen, dass man sich da auch auf privater Basis mal vor Studienbeginn mit in diesen Fächern tätigen Lehrkräften unterhalten hätte können - ja, da stimme ich zu.

Ich fing mein Lehramtsstudium allerdings unter der Prämisse an, dass ich Englisch & Musik studieren würde. Da stellte sich die Frage nach dem Korrekturaufwand zwischen E und D nicht. Und als ich dann merkte, dass Musik so erst mal nichts wird, musste halt auch ziemlich schnell ein Zweitfach her, denn Lehramt (Gymnasium) geht nur mit 2 Fächern. Es hieß also: entweder jetzt abbrechen oder zweites Fach muss her.

Zu dem Zeitpunkt war ich in Englisch aber bereits im 4ten Semester und wollte dann auch nicht mehr abbrechen. Zumal ich ja auch gar nicht wusste, was ich stattdessen hätte tun sollen.
 
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Nein, speziell wie der Schulalltag mit Fächern X & Y aussieht, weiß man nicht zwangsweise vorher schon.
Es ging nicht um den Schulalltag, sondern um den Korrekturaufwand.
Dass ein Deutschlehrer mehr mit Korrekturen zu tun hat als ein Mathe- oder Sport- oder Musik- oder Kunstlehrer, sollte eigentlich niemanden überraschen ..
Bei Englisch sehe ich das schon wieder nicht so krass, da schreibt man schließlich keine so langen Texte. Mathe ist auch nicht nur Häkchen oder f dran.

Andererseits ist das ja auch nicht das einzige Kriterium, warum jemand bestimmte Fächer wählt. Sonst gäbe es nur noch Sportlehrer ;()
 

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