Es stimmt, meine Schulzeit liegt schon lange zurück, und ich bin heilfroh, daß aus unseren heutigen Klassenzimmern Schlagstöcke, mit denen der Lehrer einigen meiner Mitschüler auf die Hände geschlagen hatte, endgültig verschwunden sind und daß Lehrer im Unterricht ohne diese demütigende "körperliche Züchtigung" auskommen müssen.
Mit anderen Worten: Nein, früher war nicht alles besser.
Das war jetzt kein passender Vergleich. Man muss nicht immer direkt in die Extreme gehen, um Vergleiche anzustellen. Dass sich das allg. Schulklima auch ohne das Fortbestehen "körperlicher Züchtigungen" erheblich verändert hat im Vergleich zu 20, 30 Jahren (wo es im Übrigen auch damals schon keine solchen Praktiken mehr gab), ist evident. Zur Not kann man das in jeder halbwegs aktuellen Bildungsstudie nachlesen - Stichwort PISA.
Sicherlich waren wir damals als Klasse nicht dümmer oder fauler als die heutigen Schüler, und auch damals gab es (wie auch heute) gute und schlechte Lehrer (damals gab es viele Lehrer mit Kriegserfahrung und Nazivergangenheit), aber aus meiner Klasse haben es ins Gymnasium (und dann auch den Abi-Abschluß) genau drei Schüler geschafft. :-(
Heute sind es deutlich mehr (vielleicht 5x mehr? ich weiß es nicht), und dieses Mehr interpretiere ich als Verbesserung in unserem Bildungssystem, und zwar für beide Seiten - Schüler und Lehrer.
Tatsächlich? Du siehst es maßgeblich durch eine Verbesserung im Bildungssystem begründet? Wie erklärst du dir dann die zeitgleich zum Himmel schreienden, schlechten PISA-Ergebnisse, bei denen Deutschland regelmäßig Schlusslicht ist im internationalen Vergleich? Ich sehe es eher mit einer sog. Bildungsinflation begründet - soll heißen, der Anspruch und die Qualität dessen, was erwartet und gebraucht wird, um auf's Gymnasium zu kommen bzw. am Ende ein Abitur zu erlangen hat
ist erheblich gesunken.
Vergleicht man mal die Abiturprüfungen von vor 30 Jahren mit denen heute, sieht man das auch ganz schön im kontrastiven Vergleich. Grundschulempfehlungen werden/wurden abgeschafft, mittlerweile bestimmen nicht mehr ausgebildete Pädagogen durch eine wohl-überlegte Empfehlung, ob das Kind das Zeug für's Gymnasium hat - nein, mittlerweile wollen das die Eltern selbst in die Hand nehmen, denn es wäre ja eine Schande, wenn ihr "Justus-Jonas" wie alle anderen Nachbarskinder
nicht auf's Gymnasium ginge. "Da geht doch heute schließlich jeder hin."...
Ob dieses Kind intellektuell bzw. kognitiv auf einem Gymnasium glücklich ist, zurechtkommt, hinterherkommt, ist dann heute eher zweitranging. Dasselbe in grün beklagen reihenweise die Dozenten und Profs an den Unis: durch diese genannte Bildungsinflation, das Verwässern der gymnasialen Ansprüche bzw. das "Durchschleifen" sowie der ähnlich-elitäre Anspruch "Ich muss jetzt nach dem Abi unbedingt studieren, eine Lehre/Ausbildung ist unter meinem Niveau, schließlich studiert mein gesamter Freundeskreis ja auch..." führt in der Folge regelmäßig dazu, dass eine unglaubliche Schwemme an Neustudenten an die Unis strömen, von denen
die meisten Unis einerseits kapazitätsmäßig auf diese Schwemme gar nicht mehr ausgerichtet sind und zudem diese große Anzahl an Neustudenten mittlerweile im Vergleich zu früher einen Bildungsstand aufweist (oder vielmehr nicht mehr aufweist),
dass sich regelmäßig Dozenten verzweifelt die Haare raufen. Da ist von "
massiven Problemen in Rechtschreibung & Grammatik" der heutigen Studierenden die Rede, von sinkenden Aufmerksamkeitsspannen, sodass die meisten kaum noch in der Lage sind, kognitiv einer 90-minütigen Vorlesung bis zum Schluss zu folgen. Von einer derart "
massiven Ausdünnung des gymnasialen Schulstoffs" ist in einem Brandbrief von über 130 Professoren & Mathelehrern die Rede, dass die allgemeinen Vorkenntnisse, die heutige Studierende mitbringen, in den meisten Fällen für ein Hochschulstudium längst nicht mehr ausreichen...
Im Lichte dieser (nicht erst seit gestern bekannten) traurigen Fakten dann von einer "Verbesserung unseres Bildungssystems" zu sprechen, halte ich dann schon für etwas gewagt, denn es könnte nicht gegensätzlicher sein.
¯\_(ツ)_/¯
An dieser Stelle muß ich passen. Wie es in den Schulen heute aussieht, weiß ich nicht.
Eben nicht besonders gut, wie ich oben versucht habe darzulegen. Zumindest wesentlich schlechter im Vergleich als noch vor 30, 40 Jahren (und auch damals gab's schon keinen Rohrstock mehr...)
In meinen Augen gehört das gesamte Schul- und Bildungssystem von der Pike auf renoviert bzw. grundsätzlich neu ausgerichtet. Wir müssen wieder zurück zu der Tatsache, dass es keine Schande und auch kein Weltuntergang ist, wenn mal jemand NICHT auf's Gymnasium geht (gehen kann). Wir müssen wieder zurück zu der Selbstverständlichkeit, dass man auch ohne erlangtes Abitur und Studium gut-bezahlte und erfüllende Berufschancen ergreifen kann. Mittlerweile verlangen selbst die meisten Ausbildungsbetriebe als Voraussetzung bereits ein Abitur... Ursprünglich galt das Abitur mal als die allgemeine Hochschulreife - nicht Ausbildungsreife. Aber dank der immer weiter voranschreitenden Bildungsinflation ist auch ein Abitur immer weniger wert. Bei den Studienabschlüssen genauso.
Wenn wir mittlerweile den 50.000 Germanistikbachelor-Absolventen haben, wo es vor 30 Jahren vielleicht nur 5000 waren, dann ist das eine reine mathematische & statistische Gewissheit, dass nicht alle 50.000 auf dem freien Arbeitsmarkt unterkommen können. Angebot & Nachfrage. Der Studienabschluss eines Faches wird weniger wert, je mehr Absolventen vom selben Fach es gibt.
Wir müssen wieder dahin zurück, dass nicht unausgebildete Eltern aus ideologischen oder prestigeträchtigen Gründen bestimmen, dass ihr Justus-Jonas gefälligst aufs Gymnasium zu gehen hat und danach Medizin zu studieren hat wie sie selber, sondern dass es OK ist, wenn das Kind vielleicht "nur" auf die Realschule geht. Wenn es später dann den Wunsch oder das Gefühl hat, weitermachen zu wollen, kann man auch dann immer noch über den zweiten Bildungsweg ein Abitur nachholen und ein Studium beginnen.
Solange das alles aber so wie momentan weitergeht, wo Gymnasien die eigentlichen Ansprüche derart senken, damit am Ende vom Schuljahr nicht 90% der Klasse sitzen bleibt und man dann in peinliche Erklärungsnot kommen würde, solange mittlerweile über 95% heutzutage nur noch Abitur machen und danach einfach mal "irgendwas studieren, weil's ja im Trend liegt", braucht man sich über die aktuelle Bildungssituation keinen Meter wundern.
Dass dann immer weniger Leute Interesse am Lehrberuf haben, weil sie sich sagen, da leb ich in einem anderen Berufsfeld zweifellos stressarmer und ruhiger selbst bei 500€ weniger Netto und wir deshalb seit längerem auch schon einen
eklatanten Mangel an Lehramtsinteressierten haben, ist eigentlich nur allzu verständlich.
Ein Teufelskreislauf, der sich selbst aufrecht erhält. Das gesamte System gehört grundlegend neu ausgerichtet.
Aber er sollte seine Schüler nicht aufgeben.
Von "aufgeben" sprechen wir hier ja gar nicht. Die o.g. Punkte sind ganz andere Dimensionen als etwa irgendwelche einzelnen Lehrkräfte, die ihren Job nicht gut oder gerne machen würden. Jede noch so motivierte und gute Lehrkraft geht in diesem System früher oder später zugrunde. Noch detailliertere Lektüre & Einblicke aus der Lehramtsrealität gibt es z.B. im
www.lehrerforen.de
Dem muß ich uneingeschränkt zustimmen. Es geht nicht nur um "Geschichte", Jahreszahlen und Namen der Komponisten und ihrer Werke, sondern um die vergleichende Evolution der Musik, und dazu gehört eine theoretische und praktische Auseinandersetzung mit den Werken. [...]
Hier spreche ich als Schüler, der in seiner Freizeit viel klassische Musik gehört hat, regelmäßig in Konzerte und in die Oper gegangen ist, die Musik über alles liebte, aber seine musikalische "Bildung" beschränkte sich auf Namen und Jahreszahlen - mehr haben uns die Lehrer nicht vermittelt. Ja, ich kenne die einzelnen Epochen, ihre Vertreter und viele Werke, aber ich habe nie erfahren, wie sich die Musik über die Jahrhunderte entwickelt hat. Und das fehlt mir heute noch, denn ich habe nicht mehr die Fähigkeit, diese Bildungsdefizite aufzufüllen.
Und um am Ende jetzt nochmal den Bogen zurück zu schlagen zu diesem zweifellos lobenswerten Anspruch - im Lichte der obigen Erkenntnisse wird aber, wie ich ja auch schon im vorherigen Beitrag versucht habe darzulegen, sehr schnell deutlich, dass dieser von dir gezeichnete Anspruch allenfalls in einer perfekten Realität mit perfektem Schul- und Bildungssystem umsetzbar wäre.
Die traurige Realität stattdessen sieht so aus, dass 90% der Schüler an einem Nicht-Musikgymnasium das Schulfach Musik nur solange absitzen, bis sie es dann (meist nach der 10ten Klasse) komplett abwählen können. Die übrigen 10% sind dann jene, die Musik auch weiterhin belegen in die Oberstufe hinein und dann evtl. dort auch ihr Abitur darin ablegen. Bei uns damals vor 15 Jahren waren wir gerade mal insgesamt 5 Leute. Die ursprüngliche Klassengröße war 25. Und diese Problematik betrifft ja nicht nur allein das Fach Musik - selbst die nicht-abwählbaren Kernfächer wie Deutsch, Mathe, Englisch leiden genauso an einem Verfall der Unterrichtsqualität.
An Schulen außerhalb der gymnasialen Ausrichtung, etwa (Werks-)realschulen ist ein regelhafter Unterricht mittlerweile sogar zur Seltenheit geworden. In den meisten Fällen findet dort gar kein regelkonformer Unterricht mehr statt, weil die meiste Zeit der Unterrichtsstunde dafür verschwendet werden muss, Schüler zu zähmen bzw. die Klasse zur Konzentration & Mitarbeit zu bewegen...
Und auch an Gymnasien findet diese Tendenz mehr und mehr Einzug. Und selbst WENN es dann mal nicht an demotivierten und störenden Schulklassen läge, dann kommen massenhaft die anderen externen Faktoren mit dazu: Lehrermangel an allen Ecken & Enden, monatelange Krankschreibungen von Kollegen...
Für idealistischen Unterricht, wie man sich das so träumerisch optimal vorstellt,
bleibt längst keine Zeit mehr:
Für das Unterrichten, so wie Victoria es im Referendariat gelernt hatte, ist im realen Lehreralltag mit einem Mal keine Zeit mehr. Nach dem Unterricht und den Schulkonferenzen ist sie manchmal erst nach 18 Uhr zu Hause. Sie beginnt bei den Unterrichtsstunden abzuspecken: "Ich habe begonnen, auch Unterricht zu machen, der aus meiner Sicht fachdidaktisch schlecht ist."
Und da sind dann störende Klassen & chronisch-demotivierte Schüler, die keine Lust auf ein (aus deren Sicht) "Orchideenfach" haben, das sie sowieso so schnell es geht wieder abwählen wollen, noch gar nicht mit inbegriffen...