Ich freue mich, daß wieder zur Ausgangsfrage zurückgefunden wurde:
Warum spielt heute in der populären Musik ein anspruchsvollerer mehrstimmiger Gesang eine deutlich geringere Rolle als z.B. vor rund 40 Jahren?
Die Frage müsste doch besonders die
Sänger interessieren, die eher an Singen als an Sprechen oder Schreien interessiert sind und die gerne mit anderen zusammen singen. Damit sollen nicht die anderen tollen Möglichkeiten der Musik herabgesetzt werden. Wer schätzt nicht die Vielfalt? Und natürlich gibt es auch tolle Einzelsänger, Rapper und originelle Schreie.
Gerne kann man auch die Prämisse in der obigen Frage überprüfen. Man sollte aber nicht einfach Möglichkeiten einer Objektivierung völlig abstreiten. Ich denke, es ist für die Beantwortung der Frage zunächst durchaus ausreichend, die in Wikipedia veröffentlichte Liste der
Nummer-1-Hits zu verwenden. In begründbaren Einzelfällen kann man ja davon abweichen. Daß das
Marktforschungsunternehmen Media Control lauter Quatsch produzieren soll, erscheint mir nicht plausibel.
Wir brauchen hier auch keine Dissertation über das Thema zu erstellen. Eine Reihe von Beispielen vorzuführen, vielleicht auch gegenüberzustellen, kann auch überzeugend sein. Ich freue mich über den Nachweis eines jeden anspruchsvolleren mehrstimmigen Gesangs, der in den letzten Jahren Erfolg hatte!
Wie schon öfter ausgeführt, sind mehrstimmige Gesänge gemeint, bei denen die einzelnen Stimmen gut erkennbar sind, wo sich die Intervalle auch verändern, die Stimmen vielleicht sogar manchmal gegenläufig sind. Auch mehrstimmige Gesänge, die mit Vierklängen oder Dissonanzen arbeiten würde ich als "anspruchsvoller" bezeichnen.
Natürlich darf Musik auch "strunzsimpel" sein, wie MatthiasT anmerkte. Doch die soll hier nicht das Thema sein. Die Rolling Stones wurden als Beispiel dafür aufgeführt, daß sie eben keinen Chor singen könnten. Zum einen soll es hier nicht um Gruppen gehen, die das nicht können, sondern es sollen Gruppen identifiziert werden, die es können. Zum anderen würde der mehrstimmige Gesang in ihrem Song
She's Like a Rainbow schon genügen: Wunderbar mehrstimmig und nicht nur Stimmen, die parallel laufen!
Wer könnte eine Genreabhängigkeit des mehrstimmigen Gesangs leugnen? Darum geht es nicht, sondern ganz genreunabhängig darum, ob er so beliebt ist, daß er es in die Spitzenregion schafft.
Dann wurde der "Gedanke" geäußert, daß der Solointerpret, eher ein amerkanisches Ideal ist, während die "Bandidee" mit mehreren kreativen und zumindest scheinbar demokratisch agierenden (also auch singenden) Mitgliedern eher eine europäische Idee ist. Ich denke nicht, das das wesentlich zur Beantwortung der Thread-Frage beiträgt, gibt es doch eine Vielzahl von amerikanischen Bands, welche in den Hitparaden waren:
Canned Heat, Creedence Clearwater Revival, The Turtles, The Monkees, The Temptations, The Osmonds, The Jackson 5, The Supremes, Earth, Wind and Fire, The Doors, The Beach Boys, Allman Brothers, Chicago, The Jimi Hendrix Experience, Janis Joplin
Und hier stoßen wir auch wieder auf einen anspruchsvollen mehrstimmigen Gesang, den ich heute, auch in anderer Art, nicht in den Hitparaden finde:
Simon & Garfunkel
Die Intervalle zwischen den Stimmen ändern sich, sogar gegenläufige Stimmen tauchen auf (bei 0:38, within the SOUND of silence). Auch Peter, Paul and Mary mit einem
wunderbaren mehrstimmigen Gesang.
Damit dem auch wieder eine typische "Band" gegenübergestellt wird, sollen die Kinks angeführt werden, die Urvätern von Punk und Britpop, mit einem Gesang, der der o.g. Definition genügt, in wundervoller Weise:
Waterloo Sunset
Mag ja sein, daß die Konsumenten, nicht mehr so homogen sind, wie sie es vielleicht einmal waren. Doch es gibt immer Titel, die am beliebtesten sind. Wer findet Beispiele aus den letzten Jahren, die für diesen Thread interessant sind?
Cikl ist zuzustimmen, daß mehrstimmiger Gesang auch in der Rock- und Popmusik viele Arrangements /Songs unglaublich bereichert hat. Und danke für den Hinweis auf die Rembrandts, mit interessanten mehrstimmigem Gesang, doch leider kommt die Mehrstimmigkeit durch den betonten Rhythmus und dem verzerrten Sound wenig zur Geltung, z.B.
hier.
Immerhin, man hat viel Spaß,
die Rembrandts a capella zu singen.
Viele Grüße
Klaus