Laufen lernen kann man doch nicht mit musikalischer Improvisation vergleichen ... das ist genetisch schon vorhanden.
Ich glaube nicht, dass eine Grundsatzdebatte hier weiterführt.
Meine Aussage war, dass alle Kinder alles durch Nachahmung und Improvisation erlernen. Und eben nicht - wie Heranwachsende oder Erwachsene in vielen Fällen durch theoretisches oder akademisches oder verstandesgeleitetes Lernen. (Dass der Verstand immer eine Rolle spielt, schließt das nicht aus: das Reflektieren des Lernprozesses spielt natürlich eine Rolle im Sinne von trial & error, aber das Lernen des Kindes ist nicht verstandesgeleitet.)
Der hauptsächliche Sinn dieses Verweises war, dass die Aussage "Ich kann nicht Improvisieren" nicht richtig ist - weil es etwas ist, was man als Kind immer schon gemacht hat und es deshalb eine grundlegende Strategie und Methode des Lernens ist, das jedes Kind kennt.
Das Laufen ist bei dem Kind genetisch vorprogrammiert, das Kind lernt es durch Beobachtung seiner Umgebung bzw. Mitmenschen. Ein Kind, das (als Baby und Kleinkind) von Wölfen oder Hunden aufgezogen wurde, läuft auf allen Vieren, kann aber keinen aufrechten Gang auf zwei Beinen.
Du drückst es hier doch selbst aus: Ein Kind hat sowohl die physische Fähigkeit zu laufen als auch eine Prädisposition dazu. Aber ohne Nachahmung und eigenes Lernen wird da vermutlich nichts draus. Das heißt: es lerne es und zwar durch Improvisation.
Es geht - zumindest mir - um nicht mehr als das: Improvisation im Sinne des nicht verstandesgeleiteten oder akadamisch-theoretischen Lernens ist etwas, das jedes Kind macht - und zwar in allen Bereichen.
Wenn ich mir den Verlauf dieses threads anschaue, dann geht es aber weniger um das Improvisieren als solches, sondern darum, dass der threadersteller seine eigenen Versionen vorliegender Lieder in einem bestimmten Stil erstellen und diese spielen will, ohne auf´s Blatt zu schauen.
Dazu ist meines Erachtens vor allem wichtig, diesen Stil und die typischen Merkmale dieses Stils zu erkennen, zu üben, wenn möglich zu verinnerlichen und ohne sie zu notieren und nach dem Blatt zu spielen zu reproduzieren. Dass dabei gewisse Fähigkeiten der Improvisation nicht schaden können, ist klar, scheint mir hier aber nicht das Wesentliche dessen zu sein, worauf es hier ankommt. Zumindest scheint das Improvisieren als solches nicht im Fokus vom threadersteller zu liegen. So verstehe ich auch den Hinweis von
@opa_albin - und halte ihn für richtig: dass man, wenn man auf einen bestimmten Stil hinauswill, es eben konkrete Vorbilder, Übungen und Stilmittel gibt, die dafür wesentlich sind. Das schließt nicht aus, dass es sinnvoll sein kann, auch über den Tellerrand hinauszuschauen, aber wenn es schon einen solchen Fokus gibt, dann soll man ihn auch nutzen, finde ich.
Insofern sehe ich auch eine vertiefte Debatte über die "Improvisation als solche" auch als wenig hilfreich an.
Die besondere Herausforderung sehe ich beim threadersteller eher darin, dass es ihm - nach seinen eigenen Aussagen - schwer fällt, die Musik (selbst die, deren Stil er selbst beherrschen oder zumindest anwenden möchte) zu fühlen. Gleichzeitig fällt es ihm schwer, die wesentlichen Stilelemente zu erkennen, zumindest in dem Sinne, dass er sie benennen und so weit herausfiltern kann, dass er sie selbst üben und anwenden kann. Damit sind aus meiner Sicht dem autodidaktischen Lernen Grenzen gesetzt. Das deute ich auch aus seiner Aussage, dass aus seiner Sicht seine Lernkurve recht flach ausfällt.
Meine Erfahrungen mit Lernkurven sind, dass sie nicht ebenmäßig verlaufen, sondern eher einer Berg- und Talfahrt ähneln, wobei es auch durchaus Rückschläge geben kann. Meist sind sie eher dadurch gekennzeichnet, dass es eine Weile kaum oder geringe Fortschritte gibt, es dann aber Momente gibt, wo "der Knoten platzt" und plötzlich ein neues Niveau erreicht wird.
Das hat viel mit der körperlichen Koordination zu tun bzw. dort wirkt sich dieses "Knoten platzen" auf jeden Fall aus.
Die besondere Herausforderung der kommenden Zeit scheint mir dadurch geprägt, dass der Lehrer seine Stunden reduziert und er dadurch nicht in einem persönlich-fachlichen Zusammenhang seinen Lernprozess, seine Fortschritte und die weiteren Übungen absprechen und reflektieren kann.
Über die vielfältigen und schon genannten - und meines Erachtens zutreffenden - Hinweise hinaus fällt mir dazu nicht mehr ein. Da gilt es einfach auszuprobieren und auch darauf zu vertrauen, dass Nachahmung und Mustererkennung wesentliche Prädispositionen des Lernverhaltens jedes Menschen sind. Es mag sein, dass seine individuellen Fähigkeiten dazu weniger ausgeprägt sind - aber sie sind vorhanden und sie werden sich mit jeder weiteren Handhabung auch steigern. Ob nun schnell oder weniger schnell, steht auf einem anderen Blatt. So viel ich mitbekommen habe, geht es aber nicht um einen beruflichen oder ausbildungsbezogenen Kontext, sondern um Hobby, Leidenschaft und Freizeit. Und damit sollte es grundsätzlich um etwas gehen, was einem Spaß macht und was einen weiter bringt auf einem Gebiet, das einem Spaß macht. Und der threadersteller kann ja beim Klavierspielen auch schon auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurückblicken.
Herzliche Grüße, viel Spaß weiterhin - und mögen sich einige neue Übungsstrategien ergeben und Fortschritte wachsen!
x-Riff