Ich dachte, dass man gerade bei Songtexten Satzbau, Grammatik und Wortwahl schon mal zurechtbiegen muss/sollte, damit der Text auf die Melodie passt und er auch nicht zu langweilig bzw. offensichtlich wird?
@glombi , das Handwerkliche beim Dichten/Songwriting liegt gerade darin, die Sprache dazu zu bringen, das zu sagen, was du willst, wie du willst - ohne sie zu vergewaltigen!
Ein Songtext - gerade einer mit festem Reimschema und Metrik - ist ein bisschen wie eine Rubik's Cube. Damit die Zeile nach der erforderlichen Anzahl Silben mit dem sich reimenden Laut endet, muss man manchmal an der Zeile davor etwas ändern. Und zwar nicht einfach die Wortstellung ändern, denn sie wird durch Grammatik und Syntax festgelegt. Man muss oft einen neuen Ansatz für die Zeile suchen. Man kann und sollte alle "natürliche" Formulierungen durchprobieren, ehe man etas gewaltsam "verbiegt".
Zu vermeiden sind "Geburtstagsreime" wie z.B.
"Fürs neue Jahr in deinem Leben
Die besten Wünsche wir mitgeben."
(Altes Kauderwelsches Sprichwort
. Bloß zur Übung, nicht zur Strafe: versucht es in richtiges Deutsch zu übertragen!)
Reimen lernen ist wie ein Instrument lernen: hören, hören, hören, dann üben, üben, üben!
Ziel sollte ein Text sein, der groovt und reimt, der aber nur Sätze enthält, die man auch im Gespräch einsetzen könnte. Mein Lieblingsdichter (deutschspachig) ist in dieser Hinsicht Heinrich Heine. Man hat das Gefühl, dass er einfach etwas gesprochen hat, aufgeschrieben, und - siehe da! - ein formell perfektes Gedicht! Man sieht allerdings nicht die Permutationen, die vorher in seinem Gehirn abgelaufen sind. Aber das ist die Kunst: das Perfekte leicht aussehen zu lassen. Lest irgendetwas von Heine. "Der Asra" ist wunderschön - kein Reim, aber ein toller Groove, auch ohne "Wortstellungsfehler". Es kommt eine wörtliche Rede darin vor, und diese ist in etwas lockererer Form gehalten, als der Rest des Textes - wie im richtigen Leben!
Im Amerikanischen geht das auch - irgendwas von H.W.Longfellow (z.B. "The Song of Hiawatha" oder "The Slave's Dream"). Robert Burns hat die gleiche Qualität, alledings meist in schottischer Mundart. (Wo einige hier im Forum schon mit dem Schwäbischen ihre Probleme haben, will ich euch nicht dazu anregen, euch mit eurem Schulenglisch an Burns heranzuwagen!
)
Ich denke, wenn man die Art verinnerlicht, wie diese Meister des Verseschmiedens die Perfektion erreichen, ist man auf dem Weg dahin, selber recht passable Lyrics zu schreiben.
Übrigens, Grammatik und Syntax, die als die Messlatten für "korrekte" Sprache gelten, sind nicht willkürlich festgelegt, weder durch Duden noch sonst jemanden. Sie beschreiben vielmehr den aktuellen Zustand der Verkehrssprache in dem Sprachraum. Man kann auf sie verzichten, wenn man genau auf seine Umgebung hört - wie es Vorschulkinder tun - und nur Konstrukte verwendet, die man bei anderen gehört hat. Wenn man aber kreativ wird, d.h. etwas sagen will, wie es noch nie zuvor gesagt wurde, sind kenntnisse in Grammatik und Syntax sehr nützlich.
Cheers,
Jed